|
Verschwörungen, Legenden, Mythen zum "Dritten Reich" - eine Einführung in das Thema |
|
|
Wer sich, egal ob wissenschaftlich oder nur aus allgemeinem Interesse, mit dem Thema "Drittes Reich" beschäftigt, wird von einer wahren Flut von Informationen erschlagen - zählen kann man die Bücher, Artikel, Filme und vor allem Internetangebote zum Thema nicht mehr. Die Informationsflut ist nicht nur immes, sie scheint auch unaufhaltbar, denn nahezu stündlich erscheinen neue Werke ... Dabei ist es oft nicht einfach, Realität von Fiktion zu unterscheiden - in den über siebzig Jahren seit der "Machtübernahme" haben sich so viele Legenden gebildet, dass sie fast die realen Ereigniss im Bewusstsein der Lesenden verdrängen. Ein Beispiel ist der Mythos der "Reichsflugscheiben", der dem "Dritten Reich" nicht nur eine Hochtechnologie andichtet, für die es keinen Beweis gibt, sondern gleichzeitig auch die Hoffnung auf eine Wiederkehr des "Führers" nährt (... wer ins All fliegen kann, kann auch Leben verlängern!). Und dabei ist den Propagandisten dieser angeblichen Errungenschaft kein Klischee aus der welt der UFOs, kein Motiv aus billigsten Science-Fiction- und Fantasy-Romanen und erst recht kein Verweis auf angeblich noch bestehende "reichsdeutsche Gebiete" oder "Weltverschwörungen" zu scahde, um nicht in die Theorie gepresst zu werden. Nur - warum? Cui bono? Das "cui bono?" zum Thema "Reichsflugscheiben" (und verwandten Themen, aber der Einfachheit halber bleiben wir doch einmal bei den "Reichsflugscheiben" als krasses Beispiel) ist für mich eines der interessantesten Themen überhaupt, denn hier lässt sich der wahre Hintergrund dieser Mythen erahnen. Ein Hintergrund, der viel weiter geht als "Technikgeschichte", viel weiter sogar als die abstrusesten Verschwörungstheorien.
Der allererste und unmittelbarste Nutzniesser ist der Autor, zusammen mit ihm sein Verlag. Das ist offensichtlich: Wenn ich ein Buch schreibe, dass sich einigermassen verkauft, mache ich für mich und den Verlag Geld. Nichts anderes als in jedem Wirtschaftszweig: Die deutsche Modellbau-Firma Revell etwa bediente gegen Ende der 90er Jahre einen gierigen Markt mit einem Modell Arado 555, komplett mit Manhattan als Hintergrund (die Abbildung rechts zeigt die Illustration der Originalverpackung). Eine Fiktion, aber auch eine gewinnbringende Marktlücke zu jener Zeit ... und wenn da nicht einige Jahre später die Twin Towers gestanden hätten, vielleicht auch heute noch. Und eine kuriose Fussnote hat dieser Bausatz auch noch gleich verdient: Dieselbe Illustration wurde doch tatsächlich in einem "Sachbuch" über deutsche Hochtechnologie verwendet ... gleich als Titelbild des Buches! Und Nationalsozialismus macht in Deutschland immer Geld - Vergangenheitsbewältigung ist eine grosse Industrie, ebenso wie Revisionismus (... wenn er denn nicht unter die einschlägigen Paragraphen fällt) oder "Waffentechnik", ebenso wie "Geheimnisse und Rätsel", "X-Akten" oder UFOs. Die "Reichsflugscheiben" und ähnliche Mythen und/oder Verschwörungstheorien erfüllen gleich alle diese Kriterien ... eine Situation, in der Verleger und Autor eigentlich nicht verlieren können! Einer der Bestseller der 90er Jahre war schliesslich im Bereich Sachbuch (ich gebe zu, diese Bezeichnung ist hier sehr relativ) "Jan van Helsings" Dreiteiler über Geheimgesellschaften, der fast nur über esoterische Buchhandlungen, Verkaufsstände auf einschlägigen Messen und den Versand unter die Menschen kam, angetrieben von einer ganz eigenen Dynamik. Was "Jan van Helsing" geschaffen hatte, war ein spezifisch deutsches Gegenstück zur bekannten US-amerikanischen Verschwörungsliteratur. Seine Theorien unterscheiden sich zwar wenig von denen der Amerikaner, waren jedoch teilweise "eingedeutscht". Und, was den Erfolg dieser Bücher nahezu sicher machte, er sprach alle Leser irgendwo an: Den Antisemiten, den "the truth is out there" UFOlogen, den Revisionisten, den Vertreter der Reichsflugscheibentheorie, den Antikommunisten, den Illuminaten-Bekämpfer ... kurz alle rechten Randgruppen der Bundesrepublik Deutschland und Teile der konservativen Bevölkerungsschichten. Ein breiter Raum war dabei der Theorie von den deutschen Flugscheiben gewidmet, die "van Helsing" leicht esoterisch verbrämte und als wahre Erkenntnis darstellte. Und später in seinem Werk "Unternehmen Aldebaran" selber plagiierte ... auf jeden Fall entriss er das Thema endgültig der Obskurität. Daneben schaffte er es, die Verschwörungstheorie rund um die angeblichen "Protokolle der Weisen von Zion" einmal wieder in allgemeinen Umlauf zu bringen ... Ob "van Helsing" seine Theorien selber glaubte (oder heute noch glaubt), war dafür unerheblich ... man glaubte an ihn, weil man seine eigene Paranoia wiedererkannte. Und in der Dekade der X-Files und der Dark Skies wurde Verschwörungstheorie in Deutschland plötzlich so salonfähig wie zuvor nur in den USA. Dass dies parallel zur Wiedervereinigung Deutschlands geschah, mag Zufall gewesen sein - auffällig war jedoch die grosse Zahl von Aktivitäten, die sich in den "neuen Bundeländern" entwickelte. Auf jeden Fall wurde die Nazi-Mythologie zum Geschäft für alle, denn ... "Conspiracy goes New Age Mainstream" Eine sich sonst eher auf eine oberflächliche und positivistische Art mit Medien, Channeling und anderen Themen auseinandersetzende Zeitschrift namens "Die Andere Realität" (DAR) druckte "van Helsing" gleich seitenweise ab (beim Zeitungsformat der DAR eine grosse Menge Text!) und brachte selbst dem letzten Leser Wahrheiten nahe wie "Die Protokolle der Weisen von Zion" und eine Weltverschwörung, an der selbst der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl beteiligt war. Nach "van Helsings" Worten war schliesslich Kohl nicht der mehr oder minder hilflos umhertapsende Buffo der Weltpolitik, sondern, im Gegenteil, einer der Erzverschwörer und eigentlich mit dem Namen "Cohen" geboren und eigentlich Zionist oder Jude oder oder oder ... Ein längerer Brief von mir an die Redaktion der DAR nach der Veröffentlichung dieses Traktats wurde leider nur indirekt beantwortet, in einer der nächsten Ausgabe hiess es, man habe viele positive und nur zwei negative Zuschriften bekommen und freue sich, dass der Artikel so viel Anklang gefunden habe. Hinweise darauf, dass man sich schon allein mit dem Verweis auf "Die Protokolle der Weisen von Zion" der Volksverhetzung und Geschichtsfälschung schuldig gemacht habe, wurden in der DAR nicht diskutiert. Kurz danach musste ich feststellen, dass bei sogenannten "Esoterik-Tagen" im Hamburger Curio-Haus mehr als die Hälfte der Stände "Jan van Helsing" im Angebot hatte - von der (nicht nur im spirituellen Sinne) tiefe Einblicke gewährenden "indianischen" Schamanin bis hin zum leicht deutschtümelnden Wünschelrutengänger schien sich "Geheimgesellschaften" als gemeinsamer Konsens herauszustellen. Sprach man Leute etwa auf den eindeutig antisemitischen Ton des Werkes an, bekam man ausweichende Antworten (... manchmal fast wie ein Channeling!), rüde Abfuhren (von einfachem Ignorieren meiner Frage bis hin zu "Wenn Sie Ärger machen wollen, rufe ich den Veranstalter und lasse Sie hinauswerfen!") oder gar ein konspiratives Nicken mit dem Kommentar "Ich selber habe ja nichts gegen Juden, aber wenn man sich das alles mal vor Augen führt, dann scheint an der Sache ja doch etwas zu sein!" (fast möchte man schreien "WAS vor Augen führt, WELCHE Sache?"). Und schon sind wir beim nächsten Nutzniesser der "Reichsflugscheiben", weg vom schnöden Mammon und hin zu ideellen Zielen. Das Reich ruft ... Der Mythos der "Reichsflugscheiben" entfernte sich schnell mit rasender Geschwindigkeit von der Darstellung technischer Versuchsmuster (die es ja tatsächlich gegeben hat) über die "Rekonstruktion deutscher Projekte" (die zum Teil nicht einmal andeutungsweise das Reissbrett erreichten) hin zu reiner Science Fiction. Manchmal reine Fiktion, denn von Wissenschaft konnte keine Rede mehr sein.
Von Technikpublikationen bis hin zu esoterischen Schriftstellern (oder, wie im Beispiel der Zeitschrift "Wissenschaft ohne Grenzen", einer nicht ganz ausgegorenen Allianz von beiden ...) sprangen alle auf den Zug, die ein Geschäft oder andere Gelegenheiten witterten. Flugzeugzeitschriften veröffentlichten plötzlich Flugkreisel-Sonderhefte (die im Original noch deutlich als "Reichdreams" gekennzeichnet waren, in deutscher Übersetzung aber fast durchweg ernsthaft als echte Entwicklungen dargestellt wurden), ganze Regale füllten sich mit den Geheimnissen von 1945 (Wieviele Wälder mussten für das Thema "Jonastal" allein sterben?). Der greise (und vielleicht nicht wenig verwirrte) Epp füllte nicht nur eigene Kladden, sondern plötzlich die Spalten der einschlägigen Presse. Und langsam, ganz langsam bildete sich der Mythos der Reichsflugscheiben um zum Mythos der "Letzten" in der Antarktis (oder an anderen Orten ... vom Amazonas bis zur Andromeda), die auch noch treu blieben, als alle untreu wurden. Es ging plötzlich nicht mehr um die Technik der deutschen Rüstungsbetriebe, sondern um den Fortbestand der deutschen Truppen "undercover", um "immer noch reichsdeutsche Gebiete" und letztlich um eine Art Werwolf-Armee irgendwo am Ende der Welt. In ihrer vielleicht krassesten Ausprägung ist diese Theorie in den Schriften des "Internet-Katecheten" Kawi Schneider zu sehen, der in verklausulierten Traktaten vom Fortbestand des Reiches berichtet, von Flugscheiben und U-Booten, von ganzen Städten in Polargebieten und von den Strafaktionen eben dieser "Dritten Macht" - von der Challenger-Katastrophe bis zum Untergang der Kursk, deutsche Flugscheiben haben mitgemischt, natürlich auch beim Absturz der Columbia! Dass Schneider im Mai 2003 Hitler selbst als Messias darstellt, wundert dann doch nur noch durch die Direktheit, mit der dies geschieht. Wem also nützt es? So brutal es klingt - die grössten Nutzniesser der gesamten Reichsflugscheiben-Thematik sind die alten und neuen Nazis. Es ist wieder salonfähig geworden, unter dem Mäntelchen der Technikgeschichte das NS-Regime zu loben, seine vermeintlichen Errungenschaften hervorzustreichen und seine Schrecken in den Hintergrund treten zu lassen. So wie man sich früher, im Taumel der Mondlandungen, am "Vater der Raumfahrt" Wernher von Braun ergötzte und von SS-Mitgliedschaft über Terrorangriffe auf London bis hin zu Zwangsarbeit alles vergass oder verzieh, so fixiert man sich heute auf halbmythologische Gestalten wie Schauberger oder Schriever. Gemeinsamer Konsens: "Siehst Du, die Deutschen haben der Welt doch einiges voraus!" Das Groteske dabei: Den meisten Propagandisten der "deutschen UFOs" wird es vielleicht nicht einmal bewusst, mit welchen Bettgenossen sie sich da eingelassen haben. Was früher nur von Zündel oder "van Helsing" propagiert wurde, ist eine ansehnliche Kleinindustrie geworden (... in der einer vom andern abschreibt, aber dies sei hier nur am Rande erwähnt!). Deswegen ein grosses ABER am Ende: Nicht jedem Flugscheiben-Propagandisten sollte man gleich rechtsradikale Ansichten unterstellen! Wes Geistes Kind die Autoren sind, lässt sich meist zwischen den Zeilen lesen ... von bewusstem Bemühen um Neutralität über unreflektierte Reichsnostalgie bis hin zu antisemitischen Seitenhieben kann man alles in den einschlägigen Publikationen finden. Manchmal sehr offensichtlich, manchmal mehr oder minder versteckt, manchmal dumm zitiert.
|
||
![]() |