Mit dieser Initiative wollen wir, eine Gruppe von AktivistInnen und AkademikerInnen, unsere Stimme erheben für Gerechtigkeit und Frieden. Bitte nehmen sie sich/nehmt euch die Zeit, diesen Aufruf durchzulesen und - wenn sie/ihr ihm zustimmen - ihn zu unterschreiben und den letzten Abschnitt an zurückzuschicken. Zudem bitten wir sie/euch darum, diesen Aufruf an andere Kolleginnen und Kollegen an den Universitäten und AktivistInnen in den Bewegungen weiterzuleiten (ohne Unterschriften - dies ist kein Kettenbrief!).
Wir sind Forschende und Lehrende der verschiedensten Disziplinen, die sich mit sozialen Konflikten beschäftigen; OrganisatorInnen und TeilnehmerInnen vieler verschiedener sozialer Bewegungen, die für eine bessere Welt kämpfen und einfache Leute, die unter diesen Verhältnissen leiden und die Zukunftsversprechungen der Mächtigen fürchten.
Wir sind entsetzt und erschreckt über die Gräueltaten am 11. September, für die keine Rechtfertigung möglich ist; über die Vorbereitungen für einen langen und brutalen Krieg, dem massenweise Unschuldige zum Opfer fallen werden; und über das Elend und die Gewalt, vor deren Hintergrund sich diese Situation entfaltet.
Wir sind entschlossen, aktiv zu werden, damit nicht einfache Leute als Bauern in Spiel der Weltpolitik sterben müssen, damit der Kreislauf von Rache und Vergeltung nicht weitergeht und damit die Voraussetzungen, die Terror als Mittel der Politik möglich machen zum Verschwinden gebracht werden.
Als AktivistInnen in sozialen Bewegungen auf der ganzen Welt haben wir auf verschiedenste Weise für Gerechtigkeit gearbeitet, für Menschenrechte und Freiheit. Wir haben gekämpft gegen Gewalt, Terror, Diktaturen und Intoleranz. Manche von uns waren über viele Jahre in Bewegungen aktiv. Oft hat unsere Arbeit persönliche Opfer erfordert und viele von uns haben schwerwiegende Risiken für sich und ihre Angehörigen auf sich genommen.
Wir haben auf eigene Kosten gelernt, wie wenig diejenigen, die jetzt zu einem Krieg zur Verteidigung der Freiheit aufrufen in ihren eigenen Ländern und im Rest der Welt wirklich um Frieden besorgt sind: Sie haben Diktaturen verteidigt, Fundamentalisten bewaffnet, Militärputschs unterstützt und zugesehen wie Tausende und Hunderttausende gestorben sind. Die Welt, die sie aufgebaut haben ist keine Welt der Freiheit.
Als AkademikerInnen aus vielen Ländern haben wir unsere Arbeit darauf verwendet, zu Themen wie politischen Konflikten, sozialen Bewegungen, Entwicklung der Mehrheitsgesellschaft, Strukturen der Ungleichheit, kulturellen Differenzen und menschlichen Bedürfnissen zu forschen und zu lehren. Die Geschichte und Dynamik politischer Gewalt und Kriege, von Vorurteilen und Intoleranz, Ideologie und Mystifizierung kennen wir nur zu gut.
Wir sind beunruhigt, wenn JournalistInnen, die nicht wissen, wovon sie sprechen, einfache Lösungen für komplexe Probleme anbieten. Wir sind verärgert, wenn JournalistInnen, die es besser wissen sollten, die Vergangenheit vergessen und die realen Konflikte, die auf diesem Planeten existieren und damit den Rest der Welt zu Hintergrundmusik und Kollateralschäden werden lassen. Wir suchen vergeblich nach Berichterstattungen in den Massenmedien über Waffenhandel, westliche Unterstützung für Diktaturen oder einfach über die alltäglichen Kämpfe der Armen um Gerechtigkeit und ihr Überleben.
Als einfache Menschen sind wir von den Ereignissen des 11. Septembers und der Drohung weiterer Gräuel entsetzt; die Mobilmachung für einen lang andauernden Krieg, Angriffe auf die bürgerlichen Freiheiten und der zunehmende Rassismus ängstigen uns. Wir müssen in dieser Welt leben, in der der beiläufige Mord an ZivilistInnen ein normales Mittel der Politik geworden ist - von Zentralafrika zur Ostküste der USA, vom Irak zum Balkan. Aber im Gegensatz zu den Mächtigen, die in der Regel den Konsequenzen ihres Handelns zu entkommen hoffen können, haben wir keine Möglichkeit uns und unsere Angehörigen zu schützen.
Wir stimmen der Meinung nicht zu, dass zwei Übel sich aufheben: Die Gräuel in New York und Washington rechtfertigen genauso wenig die Verwüstung eines der ärmsten Länder der Erde wie die US-amerikansiche Außenpolitik den Tod tausender ZivilistInnen in Manhattan rechtfertigt. Ebenso wenig lässt sich Freiheit durch die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten verteidigen oder Intoleranz mit Rassismus begegnen.
Terror gegen ZivilistInnen ist und kann kein Mittel sein, um sozialen Fortschritt und gesellschaftliche Veränderung zu erreichen. Seine Opfer sind normaler weise einfache Leute mit wenig Einfluss auf die Außenpolitik ihrer Staaten - etwas, das sowohl für die USA als auch für Afghanistan gilt. Terror, im "Westen" wie im "Osten", bietet nur eine weitere Ausrede für Authoritarismus, in der Form von Krieg, der Erosion bürgerlicher Freiheiten und dem Angriff auf "Fremde" zum Vorteil machtvoller, herrschender Gruppen - unabhängig davon, ob diese Turbane oder Krawatten tragen.
Die Dynamik des Terrors marginalisiert soziale Bewegungen, die darauf abzielen, die dem Terror zugrunde liegende Armut, Ungleichheit, Gewalt und Wut zu bekämpfen und ersetzt sie mit der Antipolitik des Militarismus, Rhetorik und Angst. Wir haben dies im ehemaligen Jugoslawien gesehen, im Lateinamerika der Todesschwadrone und in der "Strategie der Spannung" in Westeuropa.
Kriege sind ein ineffektives Mittel dem Terrorismus entgegenzutreten. Wie die Konflikte in Nordirland und Israel/Palästina u.a. gezeigt haben, gebären sie nur mehr Märtyrer und Unzufriedenheiten durch die neue Generationen in paramilitärische Organisationen rekrutiert werden. Sie umfassen Ausrüstung und Training derer, die später als Terroristen klassifiziert werden (Hamas, die Taliban, Saddam Hussein und bin Laden wurden alle zu unterschiedlichen Zeiten von westlichen Staaten unterstützt).
Kriegsführung wird selbst eine Form des Terrorismus, wenn sie sich (was normalerweise der Fall ist) gegen die Zivilbevölkerung richtet. Der Terror, der die USA traf ist keine Rechtfertigung für den Terror gegen Menschen im Mittleren Osten. Weil so viele Menschen nach Amerika emigriert sind, haben so viele Menschen auf der ganzen Welt um ihre Angehörigen in New York gefürchtet und trauern jetzt um sie. Jetzt, mit 6.2 Millionen afghanischen Flüchtlingen, sind Menschen auf der ganzen Welt besorgt um ihre Angehörigen in Kabul, Herat und Kandahar.
Der Angriff auf die Freiheit von Seiten der Regierungen unterminiert genau die Freiheiten, die er verteidigen soll. Politische Opposition wird geknebelt: der EU-Ministerrat hat Regelungen zugestimmt, nach denen GegnerInnen der gegenwärtigen politischen, sozialen und ökonomischen Ordnung zu "Terroristen" werden können, wenn sie bei einem Anti-AKW-Protest Stacheldraht zertrennen oder bei einer Besetzung ein Schloss zerstören. Genau jene Bewegungen, sie nach Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechten streben, werden kriminalisiert.
Die Freiheit der Medien wird eingeschränkt: der Intendant der BBC musste sich für eine Radiosendung entschuldigen, in der der ehemalige US-Botschafter über die Nahostpolitik zur Rede gestellt wurde. Die Bewegungsfreiheit wird durch zunehmende Grenzkontrollen eingeschränkt und die Überwachung der Bürger wird ausgeweitet. Die Teilnahme an der Bewegung gegen die ökonomischen und sozialen Folgen der Globalisierung wird von den europäischen Polizeiapparaten zunehmend als kriminelle Aktivität behandelt.
Intoleranz und Vorurteile, Rassismus und Nationalismus gebären ihre eigegnen Spiegelbilder. Religiöser Fanatismus und fanatischer Hass auf andere Religionen ist laut und deutlich sowohl in den USA als auch in Afghanistan zu vernehmen. Der Kult der Gewalt ist in den öffentlichen Aufrufen zu Massenvernichtung und der blutrünstigen Faszination für die Techniken des Terrors und der Karten kommender Kriege ebenso sichtbar wie in den öffentlichen Aufrufen zum Jihad und der blutrünstigen Faszination für die "Märtyrer".
Während die Taliban Buddhistische Statuen sprengen, die Frauen des Landes gewalttätig unterdrücken und Hindus dazu zwingen Erkennungszeichen zu tragen, wurden Menschen, die "arabisch" aussehen, in den Straßen und Moscheen Europas und den USA angegriffen und belästigt. Die immens diversen Bevölkerungen riesiger Länder und ganzer Kontinente werden durch Hass und Angst in eine einzige Form gepresst.
Kriege werden nicht einfach nur gewonnen oder verloren, wie in den Hollywood-Fantasien, in denen nichts außer Soldaten, Generälen und Politikern existiert. Kriege können abgelehnt, unterminiert und gelegentlich sogar gestoppt werden. In der jüngeren Geschichte konnten wir sehen, wie öffentlicher Widerspruch dazu beigetragen hat den Vietnamkrieg zu beenden und das nukleare Wettrüsten in Reykjavik zu eine vorläufigen Ende zu bringen. Zu anderen Zeiten hat die Furcht vor solcher Opposition die Militärpolitik bestimmt (z.b. im zweiten Golfkrieg und im Krieg gegen Serbien), und die US-Administration hat klar gesagt, dass sie es für nötig hält, ihre eigene Bevölkerung und ihre Alliierten erst auf den Krieg vorbereiten zu müssen.
Der Weg in einen Krieg, die Tendenz zu Authoritarismus und rassistischer Gewalt ist nicht unausweichlich. Sie kann jederzeit gestoppt werden, wenn genügend Menschen bereit dazu sind. Auch wenn der Schock der Ereignisse vom 11. September, die Furcht vor den Konsequenzen “das Falsche zu sagen" und der fehlende Kontakt zu sozialen Bewegungen viele Menschen davon abhält, aktiv zu werden, weisen doch viele Quellen darauf hin, dass die Opposition gegen diesen Krieg stärker ist als ihr augenblicklicher Ausdruck.
Das Allererste, das jede und jeder von uns tun kann, ist dieses Gefühl der Isolation zu durchbrechen, dieses Gefühl nicht sagen zu können, was man denkt und Angst davor zu haben was andere sagen werden. Wir müssen uns äußern, eintreten nicht nur für uns selbst und die, die im angekündigten Krieg sterben werden, sondern auch für andere Menschen in unserer Umgebung, die die gleiche Angst wie wir fühlen. Wenn wir mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen, wenn wir herausfinden, dass wir nicht allein sind, und einander helfen auszudrücken, was wir tatsächlich denken und fühlen, dann tun wir die ersten Schritte hin zu einer Bewegung, die diesen Krieg stoppen kann.
Das heißt vor allem: mit anderen Leuten sprechen - zuhause, bei der Arbeit, in der U-Bahn und im Bus, auf Mailinglisten, in Chat Rooms, mit allen Menschen, mit denen wir im Alltag Kontakt haben. Menschen, die uns kennen, werden über das, was wir zu sagen haben anders denken als über das, was sie in den Massenmedien sehen. Das wird nicht ohne Folgen bleiben.
Unsere Isolation ist mit der augenblicklich von vielen Muslims in der westlichen Welt verspürten Angst verbunden. Die Geschichte ethnischer Konflikte zeigt deutlich, wie leicht es ist, Menschen zu isolieren und wie wichtig alltäglicher Austausch für ein Gefühl elementarer Sicherheit und Wohlbefindens ist. Wenn wir Menschen kennen, von denen wir denken, sie könnten in diesen Zeiten Opfer von Rassismus werden - lokale Gewerbetreibende, NachbarInnen, MitstudentInnen - können wir uns Zeit nehmen, zu schauen, ob es ihnen gut geht und ihnen Begleitung anbieten, wenn sie sich unsicher fühlen auf ihren täglichen Wegen, zuhause oder auf der Arbeit. Oder wir können lokale Flüchtlings- und Antirassismusgruppen unterstützen.
Wir können uns natürlich auch öffentlich äußern. Wir alle können PolitikerInnen kontaktieren, die Möglichkeiten von Talkshows im Fernsehen und Radio nutzen, LeserInnenbriefe schreiben, in denen wir dem Krieg entgegentreten, bürgerliche Freiheiten verteidigen und gegen Intoleranz kämpfen. Insbesondere bitten wir unsere KollegInnen an der Universität uns dabei zu unterstützen, Themen wie Entwicklung, Krieg und Rassismus in unseren Seminaren zu behandeln und Raum zu schaffen für Diskussionen. Wir bitten andere AktivistInnen, ihre Fähigkeiten anderen Gruppen zur Verfügung zu stellen, die lernen wollen, wie Presseerklärungen verfasst werden, Zeitschriften und Plakate produziert werden.
In unserer alltäglichen Arbeit können wir darüber nachdenken, inwiefern unsere Praxis das, was wir entwickeln wollen behindert oder unterstützt. Als AkademikerInnen können wir uns z.B. fragen inwieweit unsere Aktivitäten dazu beitragen, eine pluralistische und tolerante Atmosphäre auf dem Campus zu schaffen; inwieweit wir zu internationalen Austauschprogrammen beitragen und was wir tun können, um StudentInnen zu unterstützen, die sich gegen rassistische Ausgrenzung zur Wehr setzen.
Als AktivistInnen können wir überlegen, inwiefern unsere Praxis tatsächlich darauf abzielt unterschiedliche Positionen zu tolerieren und mit anderen zusammenarbeiten, mit denen wir nicht vollständig übereinstimmen. Wie weit reproduzieren wir die Dynamik einer “heroischen Avantgarde" auf Kosten einer Bewegung, die für alle offen ist; und in welchem Maße kooperieren in Prozessen der Kriminalisierung und Marginalisierung anderer AktivistInnen.
Um es noch einmal zu betonen: Wir denken, dass die Dynamik des Krieges die öffentliche Opposition vieler Menschen bedarf, um gestoppt zu werden. Für manche Menschen kann das Petitionen und Demonstrationen bedeuten, für andere zivilen Ungehorsam und direkte Aktionen, für wiederum andere Streiks, Internet-Aktionen oder die Unterstützung von Deserteuren. Wir sollten uns davor hüten, die Kriterien zu hoch zu hängen, was nur zur Isolation der Bewegung und zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und letztlich zur Spaltung der Bewegung führen würde.
Es ist nicht einfach, zu sagen, welche die effektivste Taktik sein wird, und es ist wichtig, die Bedürfnisse und Grenzen anderer zu respektieren ebenso wie die Lernprozesse, die jede und jeder durchläuft, wen sie/er sich in einer Bewegung engagiert. Wir ermutigen einander, dies im Kopf zu behalten und darauf hin zu wirken einander zu unterstützen. Wir ermutigen, die eigene Unabhängigkeit von den Appellen von PolitikerInnen und JournalistInnnen, die sagen “was zu tun ist", zu bewahren und zu handeln wann und wo immer wir können - in der Öffentlichkeit und im Privaten - damit Terror nicht Terror hervorbringt.
Dieser Aufruf wird organisiert von Dr Laurence Cox für die
"social-movements" academic / activist mailing list
Übersetzung: Sebastian Haunss